Aktuelle Stimmung in Jerusalem

Die Rede des amerikanischen Präsidenten Trump, in welcher er ankündigte, die amerikanische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, führte international zu Irritationen und Protesten.
Am Tag nach der Rede interviewte mich Dr. Tibor Pézsa von der Hessische Niedersächsische Allgemeine (HNA) zur aktuellen politische Stimmung in Jerusalem.

Anbei das Interview als PDF-Dokument.

Was macht Anne Frank in einem israelischen Einkaufszentrum?

Heute ist in Israel “Yom Hashoa”, der Holocaust-Gedenktag und beim Schreiben dieses Blogbeitrages stand ich vor einem Dilemma: Soll der Titel lauten: “Holocaustgedenken – Ein Vergleich zwischen Deutschland und Israel” oder doch “Was macht Anne Frank in einem israelischen Einkaufszentrum?”

Die Ernsthaftigkeit der ersten Überschrift steht dabei scheinbar im Gegensatz zur Ironie der zweiten.

Ich habe in den letzten Jahren immer mal wieder meine Gedanken zum Holocaustgedenken in Israel schriftlich festgehalten. Und auch heute möchte ich den Gedenktag nutzen, um auf die unterschiedlichen Umgangsformen mit dem Thema in Deutschland und Israel einzugehen.

Ein Hauptunterschied zu Deutschland liegt darin, dass israelische Kinder und Jugendliche schon sehr früh motiviert werden, eigene Formen der Erinnerung zu entwickeln. Ein interessantes Beispiel ist dabei die Mevoot – Grundschule in Beer Tuvia, wo eine engagierte Lehrerin gemeinsam mit Eltern, Großeltern und natürlich den Kindern ein eigenes Holocaustmuseum gegründet hat.

Am heutigen Holocaust-Gedenktag führen nun Kinder der 6. Klasse ihre Eltern und andere Besucher durch die Ausstellung und erzählen vom Schicksal eines kleinen Jungen, der am Ende des Krieges nach Israel kommt und schließlich in einem Kibbutz aufwächst. Neben der Einführung des gelben Sterns und der Ghettos werden in der Ausstellung auch die Orte der Vernichtung nicht ausgespart.

Diese sehr frühe Konfrontation der israelischen Kinder mag in Deutschland viele irritieren, führt in Israel jedoch dazu, dass Kinder schon sehr verschiedene Wege des “Sich-Erinnerns” kennenlernen und anschließend bereits in jungen Jahren beginnen, sich eigene Wege zur Erinnerung erarbeiten.

Für diesen Beitrag habe ich einige Freunde gefragt, was sie früher als  Jugendliche an Yom Hashoa gemacht haben. Einige von ihnen, die in einer der Jugendbewegungen aktiv waren, erzählten von Diskussionen, ob man sich anlässlich von Yom Hashoa mit aktuellen Genoziden beschäftigen sollte, mit den Kriegen in Ruanda, Darfur oder den Flüchtlingen aus Eritrea. Könnte – so fragten sie sich – Yom Hashoa vielleicht ein Anlass sein, über die eigene Verantwortung für Unrecht zu diskutieren, welches heute geschieht? Wie steht es in Israel heute mit der Zivilcourage? Ein früheres Mitglied der Gruppe des „Hashomer Hazair“ – des „Jungen Wächters“ erzählte, sie lasen anlässlich des Yom Hashoa Texte über die Gleichgültigkeitdes marxistischen Philosophen Antonio Gramsci, einem Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens . Andere besuchten eine „alternative Gedenkzeremonie” in Tel Aviv, eine Inititative der „Dritten Generation“ wo diskutiert wurde, ob und für wen das Stillstehen während der Sirene heute noch Sinn macht.

Gestern erfuhr ich, dass in einer Schule im Zentrum Jerusalems die Schüler beschlossen, die Eingangslobby mit schwarzen Tüchern zu verhängen und Zugschienen auf dem Boden zu “kleben”, die an die Transporte ins Vernichtungslager Auschwitz erinnern sollten. Viele Lehrerinnen und Lehrer der Schule waren von der Idee überhaupt nicht begeistert, doch die letztendliche Entscheidung über die Frage, wie das Gedenken dieses Jahr zu gestalten ist, lag hier zu 100% bei den Jugendlichen selbst.

Von dieser Vielfalt an Gedenkzeremonien, Ritualen, privaten Initiativen und Engagement kann in Deutschland nicht die Rede sein. Das heißt nicht, dass in Deutschland das Thema nicht präsent ist. Ich glaube durchaus, dass in Deutschland sehr viel über das Thema nachgedacht wird. Gerade in der dritten und mittlerweile vierten Generation erlebe ich bei meinen Gruppen eine interessante Mischung aus einem Nachdenken über die Verantwortung Deutschlands heute und einem ehrlichen Interesse für die Biographien und Geschichten der Opfer. Gleichzeitig erlebe ich in Deutschland jedoch so etwas wie eine Ur-Angst, bei möglichen Gedenkformen und Zeremonien etwas „falsch“ zu machen.

Eine deutsche Teilnehmerin eines Jugendaustauschs erzählte mir einmal, wie sie mit gleichaltrigen Israelis das Konzentrationslager Ravensbrück besuchte. Als die Gruppe während der Führung erfuhr, dass die Asche der Toten teilweise in den benachbarten Schwedtsee geschüttet wurde, beschlossen die israelischen Teilnehmer spontan, eine Gedenkzeremonie zu begehen, holten eine israelische Flagge aus dem Rucksack, zündeten Kerzen an und sprachen Gedichte. Die deutsche Teilnehmerin erzählte mir von ihrer Irritation: Einerseits war sie fasziniert von der Selbstverständlichkeit und dem Selbstbewusstsein der Israelis, andererseits wusste sie nicht, ob sie an der Trauerzeremonie gleichberechtigt teilnehmen „dürfe“, da sie doch “aus dem Tätervolk” stamme. Sie fühlte sich überfordert und empfand auch Schuldgefühle, keine wirkliche Trauer empfinden zu können für Menschen, die sie überhaupt nicht kannte. Der israelischen Initiative hatten die deutschen TeilnehmerInnen nichts entgegenzusetzen. Erst ein Besuch in Israel und die Begegnung mit Überlebenden hätten ihr geholfen, mit ganzem Herzen die Trauer Mitzuempfinden und entsprechend auch an solchen Zeremonien teilnehmen zu können.

Ich glaube, eine der großen Herausforderungen in Deutschland ist, dass jene Generation, die mit der Aufarbeitung der Geschichte begonnen hat, den heutigen Jugendlichen nicht zutraut, eigene Gedenkformen zu entwickeln und selbstbestimmt zu verfolgen. Zwar gibt es Versuche, junge Menschen in die Planung neuer Gedenkstätten mit einzubeziehen, so z.B. bei der Planung einer neuen Gedenkstätte am Hannoversche Bahnhof am Lohseplatz in Hamburg, von wo aus ab 1940 Juden wie auch Sinti und Roma in verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt, wurden: Vor der Errichtung der Gedenkstätte wurden Jugendliche in einem Projekt aufgefordert zu überlegen, welche aktuellen Themen ihrer Meinung nach in Bezug zur Geschichte der Hamburger Deportationen stehen und wie solche Verknüpfungen zur Gegenwart im Rahmen der Ausstellung integriert werden können/ dürfen/ sollen. Auch im Anne Frank Zentrum gibt es das Projekt „Schüler führen Schüler“.

Dass Jugendliche ernsthaft Verantwortung in diesem Bereich übernehmen dürfen, erscheint mir jedoch die Ausnahme.index

Was hat das nun mit Anne Frank und dem israelischen Einkaufzentrum zu tun?

Während man in Deutschland manchmal zu ängstlich ist, etwas “falsch” zu machen und das Resultat darin besteht, auf viele Gedenkzeremonien und Projekte komplett zu verzichten, scheint es mir manchmal in Israel an einer gewissen Sensibilität zu fehlen. So, als letztes Jahr zur “Verschönerung” einer Jerusalemer Shopping Mail eine Anne Frank Statue neben dem Eingangsportal aufgestellt wurde. Ohne Kommentar und jegliche Kontextualisierung. Was macht Anne Frank in einem israelischen Einkaufszentrum? Was hat sie dort zu suchen?

UPDATE:

Gestern Abend hielt  Yair Golan, der stellvertretende Chef des Generalstabs der Israelischen Armee eine bewegende Rede in der er u.a. sagte:

“On Holocaust Remembrance Day, it is worthwhile to ponder our capacity to uproot the first signs of intolerance, violence, and self-destruction that arise on the path to moral degradation […] The Holocaust should bring us to ponder our public lives and, furthermore, it must lead anyone who is capable of taking public responsibility to do so, […] Because if there is one thing that is scary in remembering the Holocaust, it is noticing horrific processes which developed in Europe – particularly in Germany – 70, 80, and 90 years ago, and finding remnants of that here among us in the year 2016. […] The Holocaust, in my view, must lead us to deep soul-searching about the nature of man, […] It must bring us to conduct some soul-searching as to the responsibility of leadership and the quality of our society. It must lead us to fundamentally rethink how we, here and now, behave towards the other. […] There is nothing easier and simpler than in changing the foreigner, […] There is nothing easier and simpler than fear-mongering and threatening. There is nothing easier and simpler than in behaving like beasts, becoming morally corrupt, and sanctimoniousness.”
Sein Vergleich der aktuellen politischen Entwicklungen in Israel mit jenen in Deutschland in der 1930er Jahren hat in Israel eine große Diskussion ausgelöst. Es zeigt sich: Auch 70 Jahre nach Kriegsende führt der Holocaust-Gedenktag immer wieder zu hitzigen Diskussionen, die bei einer reflektierte Wahrnehmung der Gegenwart und für die Gestaltung einer besseren Zukunft eine wichtige Bedeutung einnehmen können.

Araber über Juden über Orthodoxe über die Hamas über Zionismus über Schwule etc.

Was denken ultraorthodoxe Juden über den Zionismus? Was wissen sie über Jesus und Mohammed? Wo befindet sich nach Ansicht jüdischer Israelis Palästina? Wollen jüdische Israelis, dass die arabische Welt Israel als „Jüdischen Staat“ anerkennt? Was halten Palästinenser von dieser Forderung? Was halten arabische Israelis von „Ihren“ Abgeordneten in der Knesset? Was denken Sie über die Hamas? Warum wollen arabische Israelis nicht (?) in der israelischen Armee dienen? Was denkt man in Bethlehem über Homosexualität?

Gil Shuster Youtube

Diese und viele weitere Fragen stellt Corey Gil-Shuster mit seiner Videokamera “bewaffnet” ganz unbedarften Israelis und Palästinensern. Er trifft sie im Supermarkt, in der Universität, im Park oder in der Synagoge. Die Antworten überraschen! Selten hört man wirklich radikale Stimmen, auf beiden Seiten erhält er oft sehr differenzierte und nachdenkliche Antworten. Manchmal verwundert die Unwissenheit vieler Passanten, wenn es z.B. darum geht, eine Landkarte Israels und der palästinensischen Gebiete zu zeichnen! Es wird deutlich, dass sich viele Israelis und Palästinenser letztendlich nur oberflächlich mit “dem Konflikt” beschäftigen und sich lieber anderen Themen widmen.

Gil-Shuster stammt ursprünglich aus Kanada und wanderte 1995 nach Israel ein. Auf seiner YouTube Seite versucht er, Palästinensern und Israelis ein authentischeres Bild der Ansichten von der jeweils „anderen“ Seite zu vermitteln. Ein sehr schönes Projekt, das auch interessierten Beobachtern aus dem Ausland die unterschiedlichen Perspektiven und die Komplexität verschiedener Identitäten deutlich macht.

Draw Israel

Israeli Arabs: Will you serve in the Israeli army?

Secular Jewish Israelis: Would you date someone not Jewish?

… aber zumindest kommt Obama

In den letzten Wochen hat sich in Israel politisch viel ereignet. Wir bekommen eine neue Regierung und zum ersten Mal seit Jahrzehnten wird sich diese ohne Beteiligung der ultraorthodoxen Parteien zusammensetzen. Viele Entwicklungen klingen auf den ersten Blick positiv: Die Prozenthürde für künftige den Knesset-Wahlen soll von 2 auf 4% angehoben, die Anzahl der Ministerposten stark verkleinert werden. All dies kann zu einer effizienten Arbeit künftiger Regierungen beitragen. Insbesondere dem orthodoxen Bildungssystem steht in den kommenden Jahren eine große Reform bevor, sollen in den staatlich orthodoxen Schulen zukünftig auch “weltliche” Fächer wie Mathematik und Englisch unterrichtet werden müssen. Die hohen Lebenshaltungskosten und die Immobilienpreise waren wichtige Wahlkampfthemen der Zukunftspartei “Yesh Atid”, denen sich deren Vorsitzender, der zukünftige Finanzminister Yair Lapid widmen will. Und die ehemalige Außenministerin Zipi Livni wird als neue Justizministerin zusätzlich für die Wiederbelebung des Friedensprozess verantwortlich sein.

Soweit so gut: Dennoch mag zumindest bei mir keine so wirkliche Freude aufkommen. Denn machen wir uns nichts vor: Wirtschaftlich muss die neue Regierung erst mal das riesige Haushaltsdefizit in den Griff bekommen, so dass Sozialzahlungen gekürzt und die Steuern noch weiter erhöht werden müssen! Den einfachen Menschen wird somit noch weniger Geld in der Tasche bleiben als bisher. Auch wird sich die neue israelische Regierung bezüglich des Umgangs mit den nichtjüdischen Minderheiten in Israel nur wenig von der alten Regierung unterscheiden. Neuer Innenminister wird wahrscheinlich Gideon Saar, der als letzter Erziehungsminister insbesondere dadurch auffiel, israelische Schüler für Reisen nach Hebron zu begeistern. Gleichzeit verbat er  Lehrern in der Schule auch die “Nagba”, d.h. das arabische Narrativ der israelischen Staatsgründung (welche u.a. durch Fluchtbewegungen und auch Vertreibungen von Teilen der arabischen Bevölkerung geprägt war) zumindest theoretisch zu thematisieren. Ich kann mir nur schwerlichst vorstellen, dass Saar als Innenminister auch die Bedürfnisse und Wünsche der arabischen Bevölkerung angemessen berücksichtigen wird! Und dann ist da natürlich auch noch der Siedleraktivist Naftali Bennett, Vorsitzender der Partei “Das jüdische Heim”, welche das Existenzrecht eines palästinensischen Staates strikt ablehnt. Benet wird als künftiger Minister für Handel und Industrie die Siedlungen im Westjordanland weiter unterstützen, ebenso wird Wohnungsbauminister Uri Ariel – auch vom “Jüdischen Heim” – alles dafür tun, die Siedlungen im Westjordanland weiter wachsen zu lassen.

Bleibt also nichts anderes übrig als an etwas anderes zu denken. Zum Beispiel an Obama. Der kommt Israel nämlich nächste Woche besuchen, und ganz Israel ist schon aufgeregt und gespannt, was der Besuch wohl bringen wird.

Dem israelischen Channel 2 gab Obama gestern ein exklusives Interview. Wen das interessiert, findet das Interview (in englischer Sprache) auf folgender Seite:

http://alturl.com/nam7h

 

 

KAS und FES analysieren: Israel nach den Wahlen

Screenshots der Webseiten der KAS und der FES
Analysen der KAS und der FES zu den Wahlen in Israel

Die Israel-Büros der Konrad Adenauer Stiftung (KAS) und der Friedrich Ebert Stiftung (FES) haben auf ihren Webseiten Analysen der israelischen Wahlergebnisse veröffentlicht. Während die FES dem Wahlkampf der verschiedenen Parteien ein eigenes Kapitel widmet und damit auch deren Positionen zu verdeutlichen versucht, konzentriert sich die KAS auf die soziodemografische Hintergründe der Wahl und nutzt dabei Erhebungen des Israel Democracy Institute (IDI), welche die politisch-weltanschaulichen (religiösen) Einstellungen israelischer Wählerinnen und Wähler untersucht. Die KAS belegt ihre Einschätzung weiter mit der Verlinkung auf verschiedene Zeitungsartikel, worauf die FES verzichtet.

Beide Analysen schreiben der sozial-liberalen Partei Yesh Atid eine zentrale Bedeutung bei Bildung einer neuen Regierungskoalition zu. Unklar sei jedoch noch, mit welchen Positionen die sehr neue Partei versuchen wird, ihr sehr verschwommenes Profil zu schärfen, und in welchen Bereichen sie aufgrund von Koalitionszwängen zu Kompromissen bereit sein wird. Interessant wird daher sein, welche weiteren Parteien einer Koalition unter Ministerpräsident Benjamin Netanyahu beitreten werden. Eine Beteiligung der National-Religiösen Habeit Hayehudi Partei unter Naftali Bennet würde die israelische Siedlerbewegung stärken und gleichzeitig jegliche Hoffnungen auf Fortschritte im kaum mehr existenten Friedensprozess zunichtemachen. Alternativ müsste eine der ultraorthodoxe Parteien in die Koalition aufgenommen werden, mit welcher jedoch die zahlreichen innenpolitischen Reformen, die Yesh Atid im Wahlkampf vehement forderte, nicht durchzusetzen wären.

Die FES hegt die Hoffnung, dass sich der Yesh Atid Abgeordnete Yaakov Perry, ehemaliger Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet, zu einer wichtigen Stimme in einer neuen Regierung entwickeln könnte. Für Perry, der durch seine Beteiligung im Oskar-nominierten Dokumentarfilm The Gatekeepers“ neuerdings ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rückte, ist eine Rückkehr an den Verhandlungstisch mit den Palästinensern eine der wichtigsten Prioritäten israelischer Außenpolitik.  

Die Analyse der Friedrich Ebert Stiftung findet sich hier.

Die Analyse der Konrad Adenauer Stiftung findet sich hier.

Wahlwerbung der israelischen Parteien 2013

Am 22. Januar wird in Israel gewählt. Die Jewish Federation of Greater Washington hat sich die Mühe gemacht, einige TV-Werbespots der israelischen Parteien ins Englische zu übersetzen. Auf Ihrem Youtube- Kanal finden sich Werbefilme der großen Parteien wie des Likuds und der Arbeiterpartei, aber auch Spots kleinerer Parteien wie von „Allej Yarok“ (das „Grüne Blatt – für die Freigabe von Marihuana) oder von „Piratim“ (der israelischen Version der Piratenpartei).

Die Wahlwerbung der ultraorthodoxen „Schas“ Partei, welche geradezu rassistisch vor russischen Immigranten warnt, da diese keine „echten Juden” seien, wurde übrigens nach zahlreichen Protesten wieder zurückgezogen.

Zur englischen Übersetzung gelangt man durch einen Klick auf „Transkript“ rechts unterhalb des jeweiligen Videos.

Über den „Transkript“-Button gelangt man zur englischen Übersetzung
Über den „Transkript“-Button gelangt man zur englischen Übersetzung

Wahlkrieg in Israel

Bald sind Wahlen in Israel und natürlich versuchen alle politischen Parteien ihre Positionen in ein möglichst positives Licht zu stellen. Doch leider wird der Wahlkampf auch dieses Jahr wieder sehr aggressiv geführt und besonders die Stimmungsmache der politischen Rechten gegenüber jeglichen kritischen Positionen erinnert mich stark an die Verteuflung der Politik Rabins kurz vor seiner Ermordung im November 1995.

1996 gab der damalige Erziehungsminister Amnon Rubinstein eine Studie in Auftrag, die das Demokratiebewusstsein von israelischen Schülern untersuchen sollte. Die sog. Kremnitzer-Studie  mit dem Titel: “On Being a Citizens” konstatierte damals eine zunehmende Aufsplitterung der Gesellschaft. Viele Lehrer – so Kremnitzer – fürchteten eine Auseinandersetzung mit den Schülern zu Grundfragen der israelischen Identität, da die Kommunikationsfähigkeit und Diskussionskultur nur schlecht ausgebildet seien.  Stark ausgeprägte Vorurteile gegenüber Minderheiten (Araber, Ultraorthodoxe etc.) seien ebenso feststellbar wie die Bereitschaft, Grundrechte wie die Rede- und Pressefreiheit zu relativieren.

Leider hat sich daran seither nicht viel geändert. Israel ist zwar weiter eine pluralistische und starke Demokratie, doch die Bereitsschaft, sich auch mal eine konträre Meinungen anzuhören, fehlt gerade bei diesem Wahlkampf so häufig wie selten zuvor. Zweimal habe ich aus diesem Grund Veranstaltungen verlassen, weil das Herumgetobe nicht mehr auszuhalten war.

Folgenden Text fand ich auf der Facebook Seite von Stav Shaffir, die ich im März 2012 bereits in einem Blogbeitrag vorstellte. Die Sozial-Aktivistin der Sommerprotestbewegung 2011 beschloss eine politische Karriere anzutreten und kandidiert heute auf Platz 9 der Arbeiterpartei. Der Text beschreibt die aggressive Stimmung auf einer Podiumsdiskussion in Netanya, zu der Vertreter unterschiedlicher Parteien eingeladen wurden. Dankenswerterweise wurde der Text von Sol Salbe, einem Journalisten des Middle East News Service in Englische übersetzt. Weiter fand ich in Internet ein Video der Veranstaltung:

http://www.ustream.tv/recorded/28347710

Auch wer kein Hebräisch versteht, der Geräuschpegel spricht für sich…

For the first time ever I left a speaking panel midstream. And of all places it was in Netanya – the city of my birth and where I learnt for the first time to pronounce the word “democracy”. Today they tried to re-educate me. It started with an election panel. Each one of the party representatives was given  five minutes to speak. When Balad  representative Yael Lerer’s [a Jewish Israeli] turn came up, she managed to use two minutes of her time before the audience shut her up. “What about the Marmara?” Someone yelled. “I am proud that we were there,” she said. Bingo, that was it. The audience rose  up.

Students pulled out their mobile cell phones, to document the circus. Likud MK Ofir Akunis marched to the front of the stage and issued us with an order: “All the representatives of the Zionist parties must get off the stage at once and not listen to this abomination!”.

The Jewish Home and Kadima reps began to march off  in line. Yoel Hasson [Kadima MK and candidate for Livni’s The Movement] stood up and asked Yael retract her comment on the Marmara, he turned around getting on and off impatiently. Aryeh Eldad (Otzma Leyisrael), waited patiently. Perhaps he wanted to say a good word to Yael in the Arabic that he  studied before filming his racist  video election clip. Ofer Shelah [former journalist and candidate for Yesh Atid], Mossi Raz of Meretz and I remain sitted on the side of democracy.

Publikum stört Podiumsdiskussion in Netanya
Publikum stört Podiumsdiskussion in Netanya

Yael insists on speaking, the audience screamed in response. Suddenly, they stood up as one and sang the national anthem, Hatikva. Faster, stronger, stronger. A growing gang walked toward the stage and shouted at Yael went, “our friends were killed  in wars in this country, who gave you the right to speak here at all?” Akunis stood to the side purring in pleasure.

The moderator of the panel, a student himself, did not know how to respond.  At one point he asked Yael to leave the stage, then pleaded with her to  just shut up. I look at him and told him that if she wasn’t given the right to be heard like the rest of us, I would not remain on the stage either.

He responded with an apologetic look.

Then president of the college took the stage. A mature man wearing a skullcap. We all cried out for silence. He stood there and regaled how proud he was that the college has now decided that Ethiopians would be able to study there with free tuition. The crowd applauded happily. He got off the stage and asked his secretary to get him out of there. “Quickly”, he ordered her, “I must go”.

Kadima’s Ronit Tirosh [former Director-General of Education -tr] encouraged the audience to scream and shout. She explained to Yael that those present have democratically decided through their shouting that  Balad is not suitable for the occasion and that Yael should consider this and get off the stage. Arieh Eldad (Otzma Leyisrael) stood behind her and preached that ours is a Jewish state and that we are not going away and nobody will make us do so either.

Applause.

And when his hateful, racist voice  got mixed with the applause, while Yael was trying in vain to speak only to discover that her microphone has been switched off – I lost my composure. I stood up and stopped Eldad in his tracks. “I do not agree with Balad’s opinions,” I said to the audience, “but even more I disagree with the fatal blows to democracy that other parties present here on the stage are proposing in turn.”

The audience applauded but seemed a  little confused. Yulia Shamalov [Kadima MK but candidate for the Kalakla (Economy) Party] tries to stop me, mumbling something about the New Israel Fund.

I continued. “We have among us racist extremist parties that threaten to destroy our existence as a democratic state. It is possible not to agree with them either, I do not agree with them, but I will sit here and hear them just like I will listen to the Balad representative, because above  all I love our democracy. If we do not listen to those whose opinions we find difficult to hear, none of us have no place here”.

Five minutes later, and Eldad is back to his fiery style. He talk about his party,  Judaism and purity. It is the oratory of a victor – he speaks as if the state with all with all its values and beliefs, belongs to him. I decided to leave the stage. Yoel Hasson and Mossi Raz joined me and got off as well. A group of Labour Party activists come out to embrace and support me. “We’re really in danger,” says one, as he took glance at the Jewish Home activists who were roaring in the hall. He was not talking about Knesset seats, he was thinking deep foundations upon which this country was built, crashing into the deep abyss of a dark land.

We have had too many years in which Akunis and his colleagues have educated our children. They have redefined Zionism, democracy, our hope – and snatched them from the sane public, which began to mix up Zionism with racism; democracy with the curbing the media and freedom of expression; and proper leadership with the abolition of the power of the courts, the justice system and the law .

The election campaign seems somnolent to many people. But there is a  great danger hovering over it. If you want Akunis to continue to educate our children, stay at home, read a good book and talk about the snow. And if you are worried, like me – I expect to see you with us, on the streets, in the  schools, in the respective parties headquarters. Friends, in two weeks we won’t be only electing a party but we’ll be taking a stand on our freedom, democracy and  sanity as well.

Ultraorthodoxe und das Verhältnis von Staat und Religion

Während meiner Führung werde ich häufig gefragt, wie sich das Zusammenleben zwischen religiösen und säkularen Juden in Israel gestaltet.

Gemäß der Unabhängigkeitserklärung von 1948 versteht sich Israel als “jüdischer” und gleichzeitig “demokratischer” Staat. Der Begriff “Jüdisch” wird dabei nicht unbedingt religiös, sondern eher kulturell oder national verstanden. Gesetzlich wird die Gleichberechtigung aller Menschen unabhängig von der Religion im Basic Law: Human Dignity and Liberty garantiert. Weiter gilt in Israel – wie in jeder westlichen Demokratie – die Glaubens- und Kultusfreiheit in dem Sinne, dass jeder die Freiheit besitzt seine Religion in der privaten wie auch in der öffentlichen Sphäre frei auszuüben.

Allerdings stellt sich die Frage, inwiefern Israel als jüdischer Staat gleichzeitig auch ein Staat seiner Bürger sein kann, in dem sich säkulare jüdische, wie auch moslemischen und christlichen Bürger wirklich zu Hause fühlen können. Letztendlich prägen die Religionen den Alltag säkularer Israelis nämlich stärker, als es z.B. das Christentum in Deutschland vermag.

Ein Beispiel für den weitreichenden Einfluss von Religion in Israel ist die Institution des Oberrabbinats, welches den Status eines Staatsorgans einnimmt. Das Rabbinat bestimmt wichtige Bereiche des Familienrechts, so z.B. die Heirat und Scheidung. Entsprechend ist offiziell eine Heirat zwischen Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit nicht möglich. Jüdische Ehen werden von Rabbinern geschlossen, für die christlichen und muslimischen Bewohner des Landes sind deren entsprechende religiöse Autoritäten zuständig.
Auch im Schulsystem ist der Einfluss insb. des orthodoxen Judentums deutlich erkennbar. Neben dem allgemeinen säkularen Schulsystem existiert nämlich noch ein national-religiöses und ein orthodoxes Schulsystem, in welchem religiöse Inhalte und auch tägliche Gebete eine wichtige Rolle spielen. Auf die Lerninhalte des orthodoxen Schulsystems, hat das staatliche israelische Bildungsministerium praktisch keinen Einfluss.
Auch christliche und moslemische Araber lernen meistens in eigenen Schulen.

Etwa 20% der jüdischen Israelis bezeichnen sich als Jüdisch-Orthodox und in der Knesset – dem israelischen Parlament – werden 19 der 120 Sitze von orthodoxen Parlamentariern besetzt. Viele säkulare Israelis fühlen sich von dem immer stärker werdenden Einfluss der Ultra-Orthodoxen bedroht, vor allem in Jerusalem: Dort wurden in der Vergangenheit aus Rücksicht auf die orthodoxe Bevölkerung Werbeposter mit Frauenbildern von Werbetafeln entfernt. Auch gab es öffentliche Konzertfestivals, zu welchen aus Sorge vor Ausschreitungen durch orthodoxe Juden ausschließlich männliche Sänger eingeladen wurden. Das Hören von Frauenstimmen gilt dort nämlich als “nicht züchtig”.
Nicht selten liest man in den Zeitungen über Debatten zur demographischen Entwicklung der nicht-zionistischen orthodoxen Bevölkerung. Angstszenarien wegen einer angeblich zu schnell wachsenden orthodoxen Bevölkerung, bewegen linke Journalisten wie Gideon Levi dazu, die gesamte Diskussion um demographische Entwicklungen als „rassistisch“ abzulehnen.

Im Dezember 2011 dieses Jahres demonstrierten Hunderte von Israelis gegen die Tendenz, „Jerusalem in ein neues Teheran“ zu verwandeln. Auch innerhalb moderat-religiöser Gruppen formierte sich eine Elternbewegung , die sich dagegen wandte, den Gesang von kleinen Mädchen als unzüchtig abzustempeln.

In diesem Kontext entstand auch das Video des israelischen Komikers Meni Malka. Verkleidet als Ultraorthodoxer plädiert er auf die Melodie von Michel Telo “Ai Se Eu Te Pego” dafür, dass auch achtjährige Mädchen ihre Ellbogen bedecken sollten, weil ihre “unzüchtige” Kleidung ihn ansonsten beim Lernen der heiligen Schriften ablenken würde. Auch ohne den Text zu verstehen wird durch die Machart des Videos deutlich, dass er das natürlich nicht ernst meint.

Schwarzer Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Kürzlich fuhr ich mit dem von Tel Aviv nach Jerusalem und sah auf der Hinterseite des Sammeltaxis eine Werbung, die von der Aufmachung auch aus der Hippie-Zeit der 70er Jahre stammen könnte. Blumen, eine kleines Herzchen und ein Peace-Zeichen schmücken einen Lila Schriftzug, der es jedoch in sich hatte:  Übersetzt stand da in etwa: Eines Tages wird uns der Iran angreifen… aber bis dahin genießen wir das Leben in der „Interkom-Bar“ + Adresse etc.

Werbung der Interkom-Bar

Auch eine Schokoladenbrotaufstrich-Firma karikierte in einem Fernsehspot kürzlich einen möglichen Krieg zwischen Israel und dem Iran, um ihr Produkt an die Leute zu bringen.

http://www.youtube.com/watch?v=g2HtjLGzrT8&w=560&h=315

Dieser humorvolle Umgang mit realen Bedrohungsszenarien haben in Israel eine lange Tradition. Das beste Beispiel hierfür ist die israelischen Comedy Show „Eretz Nehederet“, die selbst die kürzlichen Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hamas mit viel Ironie, aber auch sehr kritisch, begleitete.

Da die Sendung leider nicht mit englischen Untertitel zu finden ist, anbei eine kurze Zusammenfassung:

Am Anfang kündigt der „Nachrichtensprecher“ an, dass es heute etwas im TV zu sehen gibt, dass es schon laaaange – nämlich seit gestern Abend – nicht mehr zu sehen gab. Eine Sondersendung zur Operation „Wolkensäule“. Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak wird interviewt und lispelt, dass eine Militäroperation vor den Parlamentswahlen eine lange Tradition habe und der israelische Militärsprecher – ausgestattet mit zwei großen Zahnlücken – kündigt der Hamas an, dass der Beschuss israelischer Städte „schwerliegende Folgen“ mit sich bringen würde. Er spricht dabei tiefsten Straßenslang und klingt vom Vokabular her eher wie ein Marktschreier auf dem Gemüsemarkt von Jerusalem als wie ein verantwortungsvoller Militär. Verschiedene Politiker kommentieren das Geschehen mehr oder weniger idiotisch und prügeln sich und auch der israelische Ministerpräsident freut sich in einer Rede darüber, dass der Krieg die Opposition bei den nächsten Wahlen schwächen wird. Die Schlussszene der Sendung karikiert schließlich das Verhalten der Zivilbevölkerung beim Raketenalarm in Tel Aviv.

Zum Film von Eretz Nehederet

Dieser schwarze Humor ist kein Zeichen dafür, dass die Menschen solche Bedrohungen nicht ernst nehmen würden. Im Gegenteil! Dennoch bietet schwarzer Humor ein Ventil, gerade bei angstinduzierenden Themen Frustration abzubauen und auf ein gutes Ende zu hoffen.