Israel Mosaik Tours
  Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?
  Folgender Text erschien erstmals in der Dokumentation: "Israel, Palästina und der Nahostkonflikt - ein Bildungs- und Begegnungsprojekt mit muslimischen Jugendlichen im Spannungsfeld von Anerkennung und Konfrontation". Die vollständige und sehr lesenswerte Dokumentation kann über die Webseite www.kiga-berlin.org bestellt werden

Als mich der Anruf der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus erreichte, saß ich gerade in meinem Büro in Yad Vashem, der nationalen Holocaust-Gedenkstätte in Israel. Ob ich Zeit hätte, eine Gruppe von palästinensisch- und türkischstämmigen Jugendlichen aus Berlin-Kreuzberg zwei Wochen durch Israel zu führen, fragte mich der Projektleiter Aycan Demirel. Die Mehrheit der Jugendlichen würde aus Flüchtlingsfamilien stammen. Viele pflegten starke antisemitische und antiisraelische Ressentiments. Er brauche nicht nur einen Tour-Guide und Übersetzer, sondern jemanden mit pädagogischer Erfahrung, der sich auf die besonderen Anforderungen der Gruppe einstellen könne. Ohne lange zu überlegen, sagte ich zu, denn ich war neugierig auf die Herausforderung. Als Tourguide wollte ich der Gruppe einerseits Land und Geschichte näher bringen und deutlich machen, dass das Zusammenleben von Juden und Arabern nicht nur von Konflikten geprägt ist, sondern dass es auch viele Ansätze für ein friedliches Miteinander gibt. Als Israeli und Zionist wollte ich offen sein für das arabische Narrativ, denn ich bin überzeugt, dass in der gegenseitigen Anerkennung traumatischer Erfahrungen einer der Schlüssel zu einem produktiven Dialog zwischen Juden und Arabern liegt. Der Pädagoge in mir war schließlich neugierig auf die Methoden, mit welchen die KIgA den Lernprozess begleiten würde.

Aber was passiert, wenn man eine Gruppe Pädagogen mit deutschen, syrischen, palästinensischen und türkischen Wurzeln, einen jüdisch-israelischen Reiseleiter und muslimisch geprägte Jugendliche aus Neukölln und Kreuzberg gemeinsam auf eine Bildungsreise nach Israel schickt? „Es wird fresh!“, wie die Jugendlichen vielleicht sagen würden.

Zunächst einmal herrschte jedoch Einigkeit, denn die zweiwöchige Israel-Reise überschnitt sich mit der Endphase der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika und weder das Projektteam noch die Jugendlichen wollten die wichtigen Spiele, insbesondere die mit deutscher Beteiligung, verpassen. Abgesehen von einigen wenigen „Abweichlern“ waren die allermeisten für die Deutsche Nationalmannschaft. Einige Schülerinnen und Schüler hatten sogar die entsprechenden Fanartikel wie Deutschlandflaggen und DFB-Trikots aus Berlin mitgebracht. Doch zwischen den Spielen wurde diskutiert. Eine Teilnehmerin mit Kopftuch debattierte mit ihrer Minirock tragenden Mitschülerin über äthiopische Einwanderer in Israel. Und ich sah mich mit der Frage konfrontiert, wie ich den Jugendlichen das Rückkehr-Gesetz erkläre, das jedem Kind oder Enkel eines Juden die Staatsbürgerschaft Israels garantiert, während es für sie selbst, die größtenteils auch Wurzeln in dieser Region haben, nahezu unmöglich wäre, diese zu erlangen.

Auf den abgewetzten Sitzen des alten VW-Busses, mit dem wir das Land erkundeten, wurden aber auch ganz andere Themen zur Sprache gebracht. Als einer der Teilnehmer, der erst vor wenigen Jahren mit seiner Familie aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet ist, nachdem seine Wohnsiedlung während des Krieges in ein Trümmerfeld verwandelt worden war, das Mikrofon in die Hand nahm, war wieder Zeit für eine Runde Stand-Up-Comedy: Er und ein Freund imitierten die rassistischen Bemerkungen, denen sie im Alltag oft ausgesetzt sind. „Du Knecht. Du musst erstmal Hochdeutsch lernen“, feuerte er seinen Mitschüler an. „Selber Knecht“, entgegnete dieser mit breitem Grinsen. Der Bus lag am Boden vor Lachen. Die Stimmung auf der Israel-Reise war also erstmal gut.

Israel? Das Wort ging vielen Jugendlichen nur schwer über die Lippen. Am Anfang der Reise hatten alle ein Umhängeband mit der Aufschrift „Israel-Project 2010“ erhalten. Doch schon nach kürzester Zeit war das Wort „Israel“ auf wundersame Weise von einigen der Bänder getilgt worden, und niemand wollte sich hinterher erinnern, wie das passieren konnte. Sehr gut erinnern konnte man sich hingegen an die Taube, die am Vorabend des Besuches der al-Aqsa-Moschee auf der Fensterbank des Hotelzimmers Platz genommen hatte. Ein göttliches Zeichen, da war man sich sicher. Entsprechend lange dauerte der Besuch der Jerusalemer Moschee, die eines der wichtigsten Heiligtümer im Islam darstellt. Mein freundliches Drängen, dass wir gerne noch ein paar andere Stätten besichtigen würden, wurde freundlich aber konsequent überhört.

Dass der Moschee-Besuch für viele der Jugendlichen einen der Höhepunkte der Reise markierte, obwohl sich einige erst am Vorabend von einer Mitschülerin hatten zeigen lassen, wie man das rituelle Gebet verrichtet, scheint mir bezeichnend für die Komplexität der Identitätsbezüge dieser Jugendlichen zu sein. Worin besteht ihre muslimische oder auch palästinensische Identität? Und wie wirkt sie sich im Alltag aus? In Israel galten die Kreuzberger Kids trotz einiger Brocken Arabisch jedenfalls schnell als „die Gruppe aus Deutschland“. Als einer der Berliner Jugendlichen bei einer Begegnung mit Altersgefährten aus der Westbank stolz verkündete, er lebe in Berlin weiter wie ein Araber und in seiner Freizeit rauche er am liebsten Wasserpfeife, entgegneten ihm diese verstört: „Was? In Deinem Alter? Bist Du verrückt? Das ist total ungesund!“. Für Erstaunen bei den Berliner Kids sorgte auch, als ihnen ein arabischsprachiger Jugendleiter von der Noar Haoved erzählte, er fühle sich sowohl als Israeli als auch als Palästinenser und sei ein großer Fan des gegenwärtigen Erziehungsministers Gideon Sa'ar, einem Mitglied der rechtspopulistischen Likud-Partei.

Die Suche nach der eigenen, „ursprünglichen“ Identität schien mir einer der Hauptbeweggründe für die Jugendlichen zu sein, an dem Projekt und der Reise teilzunehmen. Doch die Realität in Israel/ Palästina irritierte und nicht immer fiel es den Jugendlichen leicht, die vielen neuen Eindrücke und Erfahrungen einzuordnen. Dabei wurden sie nicht nur mit der Frage konfrontiert, was es bedeutet, als Muslim in Deutschland zu leben sondern auch, was ihnen Palästina heute noch bedeutet und bedeuten kann. Zwar empfanden viele ein gewisses, aber diffuses „Wir-Gefühl“, das subjektiv eine eigene „orientalische“ Kultur voraussetzt. Diese Kultur ist jedoch oft kaum mehr als ein „ausgezeichneter Raum symbolischer Ordnungen, der sich in und durch Kommunikation konstituiert“ (Mike Sandbothe 2003), im praktischen Alltag jedoch nur eine geringe Rolle spielt. Ich erinnerte mich auch an den Begriff der „Bastelexistenz“ Ronald Hitzlers, der davon ausgeht, dass der individualisierte Mensch, konfrontiert mit „heterogenen Situationen, Begegnungen, Gruppierungen, Milieus und Teilkulturen“ gezwungen ist, die vielen „Orientierungsfragmente“ zu einem Sinnganzen und somit zu einer eigenen Identität zusammenzufügen (Hitzler 2004). Doch wenn widersprüchliche Erfahrungen in einer vielfältigen, teilweise zerrissenen Alltagswelt verarbeitet werden müssen, geschieht die kulturelle Selbstverortung oft in Abgrenzung zu anderen Gruppen.

Ein pädagogischer Umgang mit diesen Identitätskonflikten kann in der Stärkung bereits bestehender Identitätsfragmente bei gleichzeitiger kritischer Hinterfragung der Vorurteile und Abgrenzungsmechanismen der Jugendlichen liegen. Die von der KIgA und der Noar Haoved organisierte Reise durch Israel, die viele Begegnungen mit arabischen und jüdischen Friedensprojekten beinhaltete, konnte den Jugendlichen deutlich machen, dass Identität nicht durch Abgrenzung gebildet werden muss, sondern auch auf etwas Positivem und Konstruktivem wie dem Einsatz für die eigene Gleichberechtigung und ein friedliches Miteinander der Menschen und Religionen beruhen kann.

Mir persönlich hat die Teilnahme an dieser Bildungsreise eine sehr intensive Begegnung mit Jugendlichen ermöglicht, die leider nur sehr selten nach Israel kommen. Eine Israelfahrt mit dieser Zielgruppe durchzuführen bedarf großen pädagogischen Gespürs und einer intensiven Vor- und Nachbereitung. Wie sehr sich die Jugendlichen bis heute bemühen, den Kontakt zu mir und anderen israelischen Projektpartnern zu halten, verdeutlicht den positiven Einfluss und den Erfolg dieses außergewöhnlichen Begegnungsprojektes, das ohne das Engagement des KIgA-Teams und des betreuenden Lehrers Heiner Meise nicht möglich gewesen wären.